Die gefährliche Seite der Religion

Erstellt am Juli 25, 2010

Manchmal passiert es in Kairo auf der Strasse, dass dich irgendjemand anspricht und dich fragt, was du hier machst. Normalerweise sind es Händler, die dich zu einem Kaffee einladen und dann Parfum verkaufen wollen. Nicht so gestern.

Bilder wie sie heute unmöglich sind in Kairo

Ein Herr um die 60ig sprach mich auf Englisch an und wollte wissen was ich denn fotografiere. Ich erklärte ihm, dass ich das Bild der ägyptischen Strassen mag. So kamen wir ins Gespräch. Als er meinte, er male Bilder, da dachte ich schon an eine „Touristenfalle“. Aber er war anders als die anderen. Wir begannen über die Geschichte Ägyptens zu diskutieren und schliesslich der Künstler Samir Abu Aziz* mich in sein Atelier ein. Ein kleines Häuschen in einer Seitengasse, sehr eng und vollgestopft mit Bildern. Anscheinend hat auch seine Mutter gemalt in den 40ern. Damals konnte man noch richtig frei Sujets wählen, Szenen aus der Bibel, nackte Frauen, oder Juden, Christen und Muslime auf einem Bild. Heute sei das unmöglich meinte Samir. „Alles ist jetzt Haram“, beklagt er sich. Und ja es wird vieles als islamrechtlich verboten erklärt. Eine starke Islamisierung, die unter Präsident Sadat eingeleitet wurde, aber erst vor 15-20 Jahren richtig eingesetzt hat. Samir hat die Schnauze voll von Religion. Sie sei gefährlich und mache alles kaputt. „Die Leute denken, dass alles was passiert von Gott gemacht wird. Wenn sie sechs Kinder bekommen, dann hat es Gott geschenkt. Wenn sie zu fünft auf einer Vespa sitzen, dann vertrauen sie, dass Gott sie schon ans Ziel bringen wird.“ Die Leute seien durch ihre Religion eingeschränkt in ihrem Blickfeld.

Das Atelier eines Intellektuellen - Chaos, aber sehr schön

Samir ist ein waschechter Intellektueller. Er grübelt oft über philosophische Bücher. Sein Favorit ist „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler. Er habe die Probleme der heutigen Zeit schon in den 20ern erahnt. Nur über Ägypten hat er leider nichts geschrieben.
Samir spricht auch mit Freunden oft über die Probleme seines Landes. Dabei treffen sie ständig auf die Überbevölkerung. Jedes Jahr sind es eine Million Ägypter mehr. Wieso? Die Leute überlegen nicht wie viele Kinder gut für sie sind. Gott hat sie einfach geschenkt. Man nennt das doch auch Fatalismus, nicht? Samir warnt ebenfalls die Europäischen Länder vor Überfremdung. „Fremde Kulturen machen die eigene mit der Zeit kaputt“, erklärt er und fügt hinzu, dass das Minarettverbot in der Schweiz vielleicht gar nicht so schlecht sei. Gleichzeitig sollte aber auch unser Christentum moderat bleiben. Doch manche Christen tendieren auch in der Schweiz zur einer radikaleren Form ihres Glaubens. „Achtet auf eure Freiheit“, empfiehlt mir Samir zum Schluss. Bei allen seinen Erklärungen spürte ich den Pessimismus wie er bei Spengler üblich war. Doch ich werde es nicht vergessen alter Mann!

*richtiger Name der Redaktion bekannt

Text & Foto: Simon Banholzer

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