Was die wirtschaftlichen Herausforderungen für die jungen Demokratien sind
Erstellt am April 9, 2011
Im Jahr 2011 ruft die arabische Welt nach Freiheit und Demokratie. Euphorisch und furchtlos stellen sich die jungen Menschen in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und an vielen anderen Orten gegen die Machthaber. Der Status quo ist nicht mehr denkbar. Die Machthaber treten ab, reformieren das System oder schlagen die Aufstände brutal nieder, was ein Land ebenfalls instabil macht. Hinter all dem steht die Hoffnungslosigkeit und die Armut der jungen Bevölkerung. Sie haben keine Perspektive für ihr Leben. Sie suchen sie in der Revolte.
Der ZHaW-Dozent für international economics, Khaldoun Dia-Eddine, erklärte an einem Referat am letzten Donnerstag an der Uni Zürich, was die wirtschaftlichen Herausforderungen für die jungen Demokratien sind. Denn der politische Wandel alleine reicht nicht. Die Unzufriedenheit hat eine ökonomische Grundlage:
Neben der politischen Freiheit, fehlt es auch an wirtschaftlicher Offenheit. Bisher können wenige Leute Unternehmen gründen, frei Kapital bewegen und an allen Orten Produkte verkaufen. Es stehen staatliche Hindernisse im Weg. Geheimdienste, Bürokratie und Korruption hemmen die lokale Wirtschaft. Das Rechtssystem funktioniert an vielen Orten nicht. Die Notstandsgesetze lassen die Richter ihre Arbeit nicht machen. Diese Defizite lassen keine Innovation aufkommen. Forschung wird in den arabischen Ländern kaum betrieben. Diese Hindernisse können durch die Politik jedoch aus dem Weg geräumt werden. Hier müssen neue Regierungen ansetzen.
Die Struktur der arabischen Wirtschaft erklärt ebenfalls die Rückständigkeit:
- Die Öl-Produktion dominiert die Wirtschaft: BIP: Tourismus (14%), Öl (56%), Geldüberweisung aus dem Ausland (7%)
- In Industrie und Dienstleistungssektor wurde kaum investiert
- 31% Brain Drain (Auswanderung gebildeter Arbeitskräfte)
- 25 Millionen Arbeitslose
- nur 14% intraregionale Geldtransaktionen
Die Öleinnahmen würden grundsätzlich für viele Investitionen und für den Aufbau einer starken Wirtschaft reichen. Doch diese Einnahmen sind gesetzlich kaum reguliert. Oft gehen grosse Teile an die Machthaber und nur ein kleiner Teil in die Staatskasse. Die Machthaber finanzieren sich damit die Polizeikorps, Geheimdienste und das Militär. Oft profitiert der Westen von grossen Waffen-Deals.
Was ist nun also zu tun?
Dia-Eddine meint, dass man den wirtschaftlichen Wandel nicht von heute auf morgen vollbringen kann. Die alten Eliten darf man nicht komplett austauschen, sonst geht zu viel Wissen verloren. Sein Tipp: Bevor man Hals über Kopf mehr Arbeitsplätze schafft, muss man den bisherigen Arbeitnehmer mehr Sorge tragen: d.h. mehr Lohn und sichere Anstellungsverhältnisse bieten.
Zudem sieht er, dass beispielsweise Mubaraks Elite mehr Vermögen hat, als die ägyptischen Staatsschulden betragen. Wenn davon ein grosser Teil zurück käme, dann würde die Kreditwürdigkeit des Landes wieder steigen, die Börse könnte sich stabilisieren und grössere Investitionen in Infrastruktur und Unternehmungsgründungen getätigt werden. Natürlich wären auch Investitionen aus Europa oder den Emiraten denkbar.
Dia-Eddine fordert aber auch eine Änderung der Mentalität. Ehrgeiz, Fleiss und Arbeitsmoral müssen sich entwickeln. Dies ist natürlich ein langfristiger Prozess, wie auch der ganze ökonomische Wandel. Als Wissenschaftler und Syrer ist Dia-Eddine optimistisch, dass die arabischen Länder diese Leistung erbringen können.
Text & Foto: sb

