“Ich bin Deutsche.” – Joy Denalane im Interview

Erstellt am Juni 13, 2011

Als eine der stimmgewaltigen “Women Voices” trat Joy Denalane letzten Sonntag am Afro-Pfingsten Festival auf und sprach mit dem Winterthurer Löwen über Musik, Heimat und das Minarettverbot.

Joy Denalane

Joy Denalane im Interview

 

Du singst am Afro-Pfingsten als Einzige auf Deutsch. Weshalb?
Für mein neuestes Album “Maureen” schrieb ich die Songs zuerst auf Englisch. Da ich aber den Hörern auch die Bedeutung meiner Songtexte näher bringen wollte, übersetzte ich diese auf Deutsch und nahm die Platte nochmals auf.

Heisst das, du singst nur für Deutschsprachige?
Ich singe zwar für die deutschsprachigen Menschen. Aber Musik spricht nicht nur eine Sprache. Das ist das Schöne daran. Es ist egal, in welcher Sprache man singt. Die Stimme des Sängers und wie er sie einzusetzen weiss, ist das Entscheidende. Der Text ist zweitrangig. Schlussendlich muss die Musik den Hörer berühren.

Zu welcher Kultur fühlst du dich zugehörig: der Deutschen oder der Afrikanischen?
Ich bin deutsch, habe aber einen südafrikanischen Vater. Aufgewachsen bin ich in Deutschland. Genaugenommen in Berlin. Das ist meine Heimat. Dort fühle ich mich Zuhause. Aber wenn ich nach Südafrika gehe und meine Familie besuche, spüre ich die Verbindung zu Afrika.

Wirst du von Anderen als Deutsche wahrgenommen?
Vielmals, aber vielmals eben auch nicht. Ein aktuelles Thema in Deutschland ist die Integrationsproblematik. Wie werden Immigranten wahrgenommen? Wie definierensie ihre Identität? Noch vor 10 Jahren behauptete kein deutscher Politiker, Deutschland sei ein Einwanderungsland. Heute ist das anders. Es passiert etwas in Deutschland. Die Menschen wollen über diese Themen sprechen.

Vor zwei Jahren hat die Schweiz ein Minarettverbot eingeführt. Das hat im In- und Ausland Anlass zu vielen Diskussionen gegeben. Wie stehst du zu diesem Verbot?
Es erschreckt mich, dass man Menschen in ihrer Kultur beschneiden will. Das ist nicht der richtige Ansatz, um Verständigung zu schaffen.

Was denkst du, woher diese Ablehnung gegenüber fremden Kulturen kommt?
Vieles hat mit der Angst vor dem Fremden zu tun. Dazu kommt die wirtschaftliche Angst der heutigen Zeit. Die Menschen haben beispielsweise Angst ihre Arbeit zu verlieren. Deshalb verschliesst man gerne alle Türen nach aussen und versucht, Argumente gegen Fremdes zu finden.

Engagierst du dich persönlich gegen Ausgrenzung?
Ich unterstütze Amnesty International immer wieder, bin aber kein Mitglied. In Berlin gibt es die Organisation Xenion, die sich mit den Traumata von Flüchtlingen auseinandersetzt. Xenion bietet die Möglichkeit sich diesen Menschen anzunehmen. Ich finde es spannend, dass man sich mit ihnen treffen kann und ihnen einen Weg in unserer Welt aufzeigt. Wir sollten diese Menschen sowohl aufnehmen, wie auch wahrnehmen.

Was ist deiner Meinung nach nötig, damit Menschen aus verschiedenen Kulturen besser miteinander umgehen können?
Es sollte auf der politischen Ebene etwas geschehen. Die Politiker müssen mehr über diese Themen reden und informieren, damit die Problematik auch im Alltag thematisiert werden kann. Ausserdem sollte die Politik den momentanen Zustand ausformulieren und aufzeigen, wie wir etwas verändern können. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass sich etwas ändert.

Braucht es für dieses politische Umdenken nicht weniger Egoismus und mehr Sozialismus?
Eine Mischung aus beidem. Der Mensch ist nicht selbstlos. Er hängt an seinem Hab und Gut. Das alles aufgeben zu müssen, wäre Revolution. Das wird es nicht sein. Ich denke, dass wir mehr miteinander reden müssen. Momentan haben wir viele Schulen, an denen die Situation nicht mehr tragbar ist. Dort gibt es Jugendliche mit Migrationshintergrund, die grosse Probleme bereiten. Die zwar in Deutschland geboren wurden, aber nicht ihren Platz gefunden haben.

Stecken diese Jugendlichen zwischen zwei Welten fest?
Ich glaube, diese Kinder oder Jugendlichen kennen die Welt ihrer Eltern gar nicht. Vielleicht flüchten sie zeitweise in diese Welt, aber sie sehen das nicht als ihre Heimat. Wie auch? Wie kann man etwas als eine Heimat sehen, was man nicht kennt. Das ist absurd.

Was gibst du deinen Kinder mit?
Einen natürlichen Umgang mit ihrer Identität. Das ist es, woran es meist mangelt.

Verarbeitest du auf deinem neuen Album “Maureen” private Erfahrungen?
Ich kann auf Erfahrungen der letzten Jahre zurückgreifen und vermische diese mit neuen Ideen und Gedanken. In meinen beiden vorherigen Alben habe ich sehr viel reflektiert und mir Gedanken gemacht zu bestimmten Lebenssituationen. Jetzt konnte ich aus meinem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen. Ich rede vor allem von Songs, welche die etwas andere Seite der Liebe widerspiegeln. Von den bittersüssen Facetten. Bis zu dieser Platte hatte ich solche Erfahrungen noch nicht gemacht.

Wie geht es bei dir musikalisch weiter?
Ich finde gerade Vocal Jazz sehr spannend, aber ich weiss noch nicht, was daraus entsteht. Ich mache jedenfalls keine Jazzplatte.

 

Interview: Nadine Klopfenstein
Bild: mh

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Kommentare (1)

 

  1. Maria sagt:

    Danke für dieses Interview. Es hat mir bei meinen Recherchen sehr geholfen.
    LG. Maria
    :)

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