Unterwegs mit Franz Hohler

Erstellt am April 4, 2012

Das Unterwegs-Sein gehört zu Franz Hohler. In seinem neuen Erzählband “Spaziergänge” geht es dann auch genau darum: Um Spaziergänge, um das Gehen. Denn nicht ohne Grund ist “gehen” eines seiner Lieblingswörter. Doch für einmal ist der Schriftsteller zu Hause geblieben, und der Winterthurer Löwe hat ihn in Oerlikon für ein Gespräch besucht.

WL: Im Jahr 2005 kam dein Buch “52 Wanderungen” auf den Markt, nun präsentierst du Mitte April dein neustes Werk “Spaziergänge” in Winterthur. Wie wichtig ist dir das Unterwegs-Sein?

FH: Sehr wichtig, besonders das Gehen zu Fuss. Beim Wandern oder Spazieren bewegt man sich in einer guten Beobachtungs-Geschwindigkeit. Stehenbleiben oder ein paar Schritte zurückgehen, wenn man Etwas entdeckt hat, ist kein Problem. So kann man den kleinen und unscheinbaren Dingen Aufmerksamkeit schenken.

WL: Ist der Weg das Ziel?

FH: Der Weg ist mindestens so wichtig wie das Ziel. In meinem neuen Erzählband gibt es zum einen Spaziergänge mit einem klaren Ziel wie eine Matinee. Zum andern aber auch Beispiele ohne eigentliches Ziel wie im Text “An der Limmat”.

WL: Du stellst dein neues Buch im Casinotheater vor, welche Beziehung hast du zu dem Haus und zur Stadt Winterthur?

FH: Die Idee, dass eine Gruppe Künstler ein eigenes Haus für Theater, Kleinkunst, Musik und anderes auf die Beine stellt und betreibt, hat mir schon von Anfang an gefallen. Deshalb bin ich immer noch Aktionär, auch wenn ich in den letzten Jahren kaum selber im Casinotheater aufgetreten bin.
Winterthur als Stadt ist mir schon seit jeher sympathisch. Vielleicht, weil es gewisse Ähnlichkeiten mit Olten hat, wo ich aufgewachsen bin. Beides sind eine Art Nebensonnen, die etwas im Schatten grösserer und bekannterer Städte liegen. Bei Olten ist dies Solothurn und Winterthur würde vielleicht ohne die Nähe zu Zürich viel mehr als Grossstadt mit allen dafür notwendigen Ingredienzien wahrgenommen.

WL: Vor Jahren hast du mit “Weni mol alt bin” einen Beatles-Song übers altwerden interpretiert. Bist du unterdessen alt?

FH: Oft fühlen wir uns ja jünger, als wir eigentlich sind. Und doch spürt man mit der Zeit, dass nicht mehr alles so schnell geht. Vielleicht ist es da bezeichnend, dass mein Buch von 2005 noch von Wanderungen handelt, und ich mich für das neuste etwas gemütlicher und gemächlicher auf Spaziergänge beschränkt habe.
Eine andere Auswirkung des Alters bei mir persönlich ist, dass ich mir noch mehr und noch bewusster Zeit nehme für mich, meine Familie und meine Freunde. Auszeiten und ganz konkret die Flucht vor dem Alltag und all seinen beruflichen Verpflichtungen erhalten einen noch grösseren Stellenwert.

WL: Mit dem Alter kommt auch das Thema Tod näher, einige deiner langjährigen Weggefährten und Freunde sind nicht mehr unter uns. Wann hast du dir das erste Mal konkret Gedanken über den Tod gemacht?

FH: Schon sehr früh. Ich war als Kind zwei Mal schwer krank und habe als 20-Jähriger ein Gedicht über den Tod geschrieben. Auch habe ich schon viele Beerdigungen miterlebt, einige davon waren sehr schön und hatten den Charakter eines freudigen Festes, an welchem man im Guten an den Verstorbenen gedacht hat.
Heutzutage bietet der medizinische Fortschritt viele Möglichkeiten, mit “Ersatzteilen” das Leben zu verlängern bzw. das Alter beschwerdefreier zu machen. Daneben unterstützt massvolle Bewegung die Gesundheit und das Wohlbefinden, wie eben das Unterwegs-Sein zu Fuss.

WL: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Als Vorgeschmack auf Franz Hohlers neues Buch dürfen wir vorab einen kleinen Ausschnitt veröffentlichen, der Beginn der Erzählung “Langsam gehen”:

Ich verlasse mein Elternhaus in Olten und mache mich auf zum Bahnhof. Immer noch bin ich Rekonvaleszent mit dem klaren Auftrag, wenig und langsam zu gehen, und immer wieder bin ich in Gefahr, dies zu vergessen und meinen gewohnten zügigen Schritt einzuschlagen.

Ich gehe die Sälistrasse hinunter, die früher im Giessereiareal endete. Dort, wo die Giesserei war, steht heute ein Einkaufszentrum, für das man sich den Namen „Sälipark“ ausgedacht hat. Zwei griechische Säulen flankieren die rückwärtige Zufahrt, und vor dem Hintereingang erinnert ein gegossener Giesser an die Vergangenheit. Etwas später mündet die Ausfahrt der unterirdischen Parkgarage in die Sälistrasse, ich muss auf das grüne Signal warten und überquere dann mit der aufreizenden Gemächlichkeit eines Rentners den Zebrastreifen.

Weitere Infos: www.franzhohler.ch / www.casinotheater.ch

Text und Bilder: mh

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